"Historischer Gerätepool". Beschaffung neuer und obsoleter Hardware im Bereich Audio/Video und Informatik
Für das Abspielen oder Lesen von historischen Informationsträgern müssen zwei Voraussetzungen erfüllt sein: Es braucht die entsprechenden Geräte aus der Zeit, in der die Informationsträger beschrieben wurden, und es braucht in aller Regel eine Vorbehandlung der Träger. Letzteres ist gemeinsamer Forschungsgegenstand des Projektleiters und einzelner Studierender der Vertiefungsrichtung Moderne Materialien und Medien an der HKB.
Die Beschaffung der alten Geräte ist weniger Flohmarktrundgang (in der Regel sind dort Trouvaillen selten), als eine andauernde, gezielte Suche in geeigneten Foren, international vorwiegend die Internet-Auktionsplattform ebay, national in geringerem Masse auch ricardo, ebenfalls Online-Auktion. Dabei zeigt sich immer wieder, dass die automatisierte Suche anhand von Suchbegriffen wie etwa Gerätetypen nur einen Teil des möglichen Potentials erfasst. Ein manuelles Durchforsten der Angebotslisten offenbart nicht selten Unerwartetes, welches von den Anbietern oft gar nicht richtig beschrieben wird beziehungsweise aufgrund fehlender Kenntnisse nicht richtig beschrieben werden kann („Dachbodenfund“, der leider oft Kellerfund war).
Die vorgängige oder begleitende Recherche über angebotene, dem Projektleiter bisher nicht bekannte Geräte bildet damit gleichzeitig auch eine Know-how-Erweiterung, welche, ähnlich einzelnen Puzzleteilen, allmählich das Bild des gesamten Gebietes in seiner ganzen Breite und historischen Tiefe ergeben. Die anvisierten Geräte brauchen somit kein Mindestalter zu haben: vom neuwertigen, wenige Jahre alten Studiogerät bis zu den „Inkunabeln“ der sechziger Jahre kann alles Eingang finden. Namentlich die Open-Reel Videogeräte der späten sechziger und frühen siebziger Jahre haben für unsere restauratorischen Projekte erstrangige Bedeutung. Vom selben Gerätetyp sind hier möglichst viele Exemplare zu beschaffen, da sich erfahrungsgemäss nur ein beschränkter Anteil davon wirklich als funktionstüchtig oder reparierbar erweist. Ersatzteile gibt es keine mehr, weshalb diese weiteren typgleichen Exemplaren zu entnehmen sind.
Ein ausgedehntes, teilweise über fünfundzwanzig Jahre bestehendes Kontaktnetz im privaten und institutionellen Bereich verhilft immer wieder unverhofft zu Geschenken, Dauerleihgaben oder direkten Ankäufen.
Sechs hauptsächliche Gruppen lassen sich unterscheiden: Abspielgeräte, signalverarbeitende Geräte – wie etwa Time Base Corrector oder Signalkonverter aller Art –, Kameras und weitere für Installationen relevante Apparate, Fernsehgeräte und Monitore, Computer und Laufwerke aller Art sowie Informationsträger für alle möglichen, insbesondere aber die bereits vorhandenen Formate. Dazu gehört sowohl bespieltes wie auch unberührtes Material (NOS – new old stock). Beides ist für die Instandstellung und Erhaltung der Geräte unabdingbar, denn dies sollte auf keinen Fall mit künstlerischen Originalen oder gültigen Archivalien gemacht werden. Als siebente Gruppe kommen die Neugeräte hinzu – namentlich für die sich auf dem neuesten Stand der Technik befindliche Harddisksicherung von AktiveArchive –, welche im Frühling 2005 gekauft wurden. Neugeräte und Altgeräte werden aus demselben Budgetposten angekauft, denn ein Teil der Altgeräte sind zugleich die „Arbeitspferde“. Diese Altgeräte und alle anderen „Objekte“ im Gerätepool haben keinen Sammlungsstatus im althergebrachten Sinn. Es handelt sich um eine Sammlung von Referenzgeräten oder Geräten des potentiellen Gebrauchs. Aus diesem Grund sind die Budgetposten für die Sachkosten der Harddisk-Sicherung und des Gerätepools zusammen gezogen worden.
Im Videobereich sind über dreissig Bandformate im Gerätepool vertreten, welche untereinander nicht kompatibel sind. Rechnen wir alle High- und Lowbandvarianten sowie die optischen Scheiben dazu, sind es über fünfzig Videoformate. Einige Formate sind 2005 dazu gekommen, ebenso wie zahlreiche, höchst erwünschte, ja notwendige Doubletten und Tripletten.
Für 2005 war bereits ein Betrag eingesetzt worden für die Instandstellung und Wartung ausgewählter Geräte und Monitore. Der Umzug in ein provisorisches, räumlich engeres Atelier im Rahmen des Totalumbaus der HKB hat es mit sich gebracht, dass wir auf grosse Teile des historischen Gerätepools keinen beziehungsweise einen beschränkten Zugriff haben: Die Geräte sind seit April 2005 palettiert, und die Paletten stehen so eng aneinander, dass kaum ein „random access“ besteht. Der Umzug hat auch zeitliche Ressourcen gebunden, und der für die Arbeiten vorgesehene Techniker hatte in den möglichen Zeitfenstern ebenfalls zu geringe zeitliche Kapazitäten. Wir haben diejenigen Formate im Atelier ausgesondert, mit denen wir voraussichtlich bis im Herbst 2006 arbeiten werden.
Ausblick: Ab September 2006 wird wieder eine optimale Lagersituation bestehen mit einem Referenzgeräteraum von etwa 150m3 innerhalb des Ateliers und zusätzlichem Kellerraum mit Palettenlager. Im Rahmen einer Semesterarbeit wird gegenwärtig die optimale Unterbringung auch im Hinblick auf ein durchzuführendes Wartungskonzept erarbeitet. Ein grösserer Teil der Geräte ist in einer speziell dafür entworfenen Datenbank erfasst, welche auch die Basis der Bewirtschaftungsplanung bildet. Die seit dem Umzug dazu gekommenen Geräte, welche teilweise in einem Aussenlager stationiert sind, konnten noch nicht informatisch erfasst werden.
© Johannes Gfeller 2006
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