Ausstellungsprojekt
"Videobänder und Videoinstallationen der siebziger und achtziger Jahre aus Schweizer Ateliers und Sammlungen" (Arbeitstitel), in Zusammenarbeit mit dem Kunstmuseum Luzern; Ausstellungstermin: erste Hälfte 2008
Inhaltliches Konzept
Die geplante Ausstellung thematisiert die Anfänge der Videokunst in der Schweiz und die Entwicklungen bis zum Ende der achtziger Jahre. Gezeigt werden Videoinstallationen und Videobänder der siebziger und achtziger Jahre von Schweizer KünstlerInnen, die zu einem grossen Teil aus dem Fundus der Künstlerateliers stammen und Werke internationaler KünstlerInnen in Schweizer Sammlungen. Im Zentrum stehen kunsthistorisch sowie konservatorisch-restauratorisch recherchierte und betreute „Wiederaufführungen“ historisch wichtiger, teilweise kaum gesehener Videoinstallationen mit den Geräten und Materialien der Entstehungszeit. Die Ausstellungspräsentation setzt die Bedingungen für ein umfassendes Erleben der räumlich-installativen, insbesondere auch der auditiven Qualitäten der Werke möglichst optimal um.
Die Ausstellung soll sowohl Fachleute als auch Interessierte ohne vertiefte Vorkenntnisse ansprechen. Es werden daher Werke gezeigt, die anspruchsvoll und historisch bedeutend sind, sich einem direkteren Zugang jedoch nicht verwehren und Interesse für das Medium wecken. Die konkrete Auswahl der Werke wird in Absprache mit der Ausstellungsinstitution getroffen.
Da es sich bei den vorgesehenen Exponaten auch um Werke handelt, die keine stringente Ausstellungsgeschichte besitzen, sondern zum Teil direkt aus den Beständen der KünstlerInnen oder Privatsammlungen stammen, nimmt die wissenschaftliche Recherche einen wichtigen Stellenwert ein. Sofern möglich, sollen KünstlerInnen kontaktiert werden, um Angaben über frühere Präsentationsformen und künstlerische Intentionen zu liefern und gegebenenfalls bei rekonstruktiven Massnahmen zu beraten.
Wenn originale Geräte oder Komponenten beschädigt oder nicht erhalten sind, werden diese restauriert respektive wird aus derselben Produktionsperiode ein Ersatz beschafft. Einzelne Werke, deren Zustand vertiefende konservatorisch-restauratorische Massnahmen erfordert, werden modellhaft restauriert und dokumentiert. Dabei werden exemplarisch Strategien für entsprechende Vorgehensweisen erhoben und festgehalten (siehe auch Kurzkonzept Konservierung-Restaurierung).
Die Ausstellung umfasst Installationen, welche die siebziger Jahre mit ihren spezifischen Voraussetzungen erfahrbar machen. Dazu gehören unter anderem eine eher minimale Ästhetik, der Einsatz weniger Komponenten und der Gebrauch von kostspieligen Geräten, die ursprünglich für industrielle, schulische und kommerzielle Zwecke konzipiert waren.
Die wichtigsten thematischen Linien der siebziger Jahre sind:
– experimentelle Auseinandersetzung mit den Eigenschaften des Mediums Video
– Kritik an der Fernsehästhetik und -rezeption
– Werke mit politisch ausgerichtetem Inhalt
– interaktive Werke im Closed Circuit
– Werke mit Überwachungskamera/s
– die künstlerische Selbstdarstellung
– grosse Bedeutung von Text/Poesie, Tonspur
In den achtziger Jahren lassen sich folgende Themen und Tendenzen aufzeigen:
– grössere, raumgreifende Installationen
– die Handkamera und ihre Möglichkeiten („bewegte Kamera“)
– die zunehmend raffinierteren Möglichkeiten in Videoschnitt und Nachbearbeitung
– die zunehmende Bedeutung der Tonspur
– der Einfluss des Musicclip
– die „privaten“ Themen
Raumkonzept Ausstellung (Ausstellungspräsentation)
Die Ausstellung präsentiert Videoinstallationen und Videobänder räumlich ineinander greifend. Die Bänder und Installationen sollen in Gruppen so eingerichtet werden, dass sie sich nicht gegenseitig stören, sondern „in sinnvoller Nachbarschaft“ stehen. Es werden nach Möglichkeit diejenigen Geräte, Bestandteile und Materialien bei den Videoinstallationen verwendet, die bei der ursprünglichen Konzeption und damaligen Präsentation vorhanden waren.
Die Videobänder werden nicht in einer Black Box innerhalb eines Begleit- oder Themenprogramms gezeigt und auch nicht beiläufig zwischen die Installationen gestreut. Jedes Band wird als Werk umfassend ernst genommen, und zwar im Hinblick auf seine Bild- und Tonebenen sowie auf seine räumlichen und rezeptionsspezifischen Bedingungen.
Die auditive Ebene der Bänder soll nicht via Kopfhörer übermittelt werden. Dies erfordert eine ausgewogene Platzierung der einzelnen Arbeiten, um störende akustische Überlagerungen zu vermeiden.
Parameter für die werkgerechte Präsentation auf räumlicher Ebene sind u.a. die Ausrichtung der Präsentation auf eine oder mehrere BetrachterInnen, die Grösse des Monitors im Verhältnis zum/r BetrachterIn, die Distanz des Publikums zum Monitor, die Haltung der BetrachterInnen vor dem Werk (sitzen oder stehen), das Raumlicht (abgedunkelt oder hell) und die Reflexion des Publikums am Glas der Bildröhre.
Konservierung und Restaurierung
Einige der für die Ausstellung ausgewählten Werke werden sich in einem Erhaltungszustand befinden, der ihre authentische Wiederaufführung erschwert oder unmöglich macht: Selten gezeigte Videobänder können verschmutzt oder beschädigt sein und Störbilder erzeugen. Installative und elektronische Komponenten können fragil, verschmutzt, beschädigt oder ganz verloren sein.
Voraussetzung für eine Konservierung und Restaurierung dieser Werke ist die dokumentarische Erfassung des vorgefundenen Originals. Fragen, die das Ersetzen von beschädigten Teilen oder die Rekonstruktion von fehlenden Teilen betreffen, müssen vor einem konservierungsethischen Hintergrund abgewogen und gelöst werden. Als Basis für diese Überlegungen müssen gründliche Recherchen der Ausstellungsgeschichte und früheren Präsentationsformen der Werke unternommen werden. Des weiteren sollen die Künstler selbst kontaktiert werden, um wertvolle Informationen für den Wiederaufbau ihrer Installationen zu gewinnen. Die entstehenden Künstlerinterviews sollen in die Online-Datenbank des International Network for the Conservation of Contemporary Art (INCCA) aufgenommen werden. Der Anschluss von AktiveArchive an dieses wichtige Netzwerk ist bereits eingeleitet.
Gemäss Ausstellungskonzept, das eine werkgetreue Wiederaufführung der Arbeiten mittels historischer Abspielgeräte und Monitore vorsieht, gehört auch die Ermittlung und Inbetriebnahme relevanter Geräte zu den Aufgaben der Restauratoren.
Für die Durchführung der praktischen Konservierungs- und Restaurierungsmassnahmen soll das Restaurierungsatelier Moderne Materialien und Medien (MMM) der HKB bzw. die Abteilung Kunsttechnologie am SIK Zürich genutzt werden. Die historischen Abspielgeräte und Monitore werden durch den Gerätepool von AktiveArchive gestellt bzw. gezielt ange-schafft.
Ziel der theoretischen und praktischen, konservatorischen Auseinandersetzung mit ausgewählten Werken der frühen Videokunst ist die Etablierung und Erweiterung des spezifischen Knowhows, das in diesem neuen Feld der Konservierung erst aufgebaut werden muss. Zur Gewährleistung bester Arbeitsergebnisse soll der rege Austausch mit anderen Fachleuten in diesem Feld gepflegt werden, die bei Bedarf auch per Honorar-vertrag hinzugezogen werden können.
Auszüge aus den entstehenden Dokumentationen sollen einer interessierten Fachöffentlichkeit über die Projekt-Website zugänglich gemacht werden. Vorstellbar ist darüber hinaus eine Thematisierung der konservatorischen Problematik im Rahmen des Kataloges zur Ausstellung.
Vermittlung/Begleitprogramm
Im Vorfeld der Ausstellung erarbeitet AktiveArchive in Zusammenarbeit mit der Ausstellungsinstitution ein Begleitprogramm, das die Ausstellung und die Ergebnisse der kunstwissenschaftlichen und konservatorisch-restauratorischen Recherche vermittelt:
– Führungen für Interessierte ohne Vorwissen und für Fachleute
– Vorträge zu den kunstwissenschaftlichen Erkenntnissen (Geschichte der Videokunst in der Schweiz, siebziger und achtziger Jahre) und zu den konservatorisch-restauratorischen Forschungsprozessen im Vorfeld der Ausstellung (Erkenntnisse von Interesse für spezifische Forschungsgemeinschaften, Dokumentation von Fallbeispielen, Einzelprobleme)
– Tagung zur Vermittlung der relevanten Erkenntnisse an das interessierte Fachpublikum
© Irene Schubiger, AktiveArchive 2005
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