Karen Geyer: Graufilter
Eine Audiocollage unter Verwendung von Interviews und improvisierter Grautonmusik
Die Medienkünstlerin Karen Geyer thematisiert in ihrer Arbeit Graufilter (2005/06) den Zufall, alte Menschen, das 20ste Jahrhundert und das Kommunikationsmedium Radio.
Das Werk wurde dediziert für die Nachtschichten bei Radio LoRa produziert. Karen Geyer hat hierfür Frauen im Alter von knapp 100 Jahren in Seniorenheimen in Berlin, Wien und Zürich besucht und nach Momenten befragt, in denen ihr langes Leben durch den Zufall mitbestimmt wurde.
In Graufilter kombiniert karen Geyernun die Sprechbeiträge mit sogenannter «Grautonmusik», welche im Ouevre der Künstlerin seit 2005 eine zentrale Rolle spielt. Als Bindeglied zwischen der «Grautonmusik» und den Interviews fungiert das Motiv des Zufalls. Während die alten Damen vom Zufall erzählen, ist die Grautonmusik implizit durch zufällige Abläufe geprägt.
«Grautonmusik» kann als experimentelles, künstlerisches Musiklabel bezeichnet werden. Sie entsteht beispielsweise durch rotierende Alltagsgegenstände, die so montiert sind, dass ihr Schleifen, Quietschen und Klackern faszinierende Geräusche erzeugt. Die Künstlerin charakterisiert «Grautonmusik» als eine „reduzierte, unmelodische Musik“, die „a-rhythmische Rhythmen“ und tonale Strukturen erzeuge, ohne Musik im klassischen Sinne zu sein.
Dem Selbstspiel der mechanisch angetriebenen Instrumente ist eine ganz eigene Musikalität und Dynamik inhärent. Die von der Künstlerin gebauten bzw. installierten Klangobjekte erzeugen akustische Klangformationen, die Karen Geyer während ihrer Performances normalerweise elektronisch überarbeitet. Für Graufilter hat sie Aufzeichnungen der Grautonmusik zu eigenständigen Audiostücken abgemischt.
Die Kombination der Interviews, mit ihrem ganz eigenen Zeitempfinden, mit Grautonmusik suggeriert bei Graufilter strukturelle Offenheit.
Karen Geyer, die selbst schon diverse Radiosendungen in den letzten Jahren produziert hat, sucht in Graufilter gezielt einige der radiophone Praktiken ästhetisch zu invertieren.
Der Rahmen der Nachtschichten scheint dabei motivisch anregend. Wo tagsüber junge Moderatorstimmen zu hören sind, erteilt Karen Geyer nachts gezielt alten Menschen das Wort.cAngesagte Popmusik und Songs der MTV Charts werden durch «Grautonmusik» ersetzt. Eine innere, ästhetische Spannung entsteht, die musikalisch subtil überformt wird. Assoziiert mit der Farbe Grau präsentiert die Musikerin formal reduzierte Klangereignisse – zeitlos, wie die Farbe selbst.
Die interne Zeitregie des Radiostücks suggeriert dabei Dauerhaftigkeit, Zeit, Ruhe und Altern geprägt. Karen Geyer räumt dabei ihren Interviewpartnern jene Zeit ein, die diese benötigen, um sich ausdrücken. Passagen der Stille, des Zögerns oder Suchens nach der richtigen Ausdrucksform werden zugelassen und nicht, wie sonst üblich bei Radiosendungen, nachträglich herausgeschnitten.
Während die aufgezeichneten Stimmen einen historischen Seltenheitswert besitzen, haftet der «Grautonmusik» eine gewisse Flüchtigkeit an. Geschaffen fürs Archiv parallelisiert Karen Geyer gezielt Materialien mit heterogenen Zeitkonnotationen und Geschichtsauffassungen. Eine Spannung entsteht zwischen Austauschbarkeit und kultureller Konstante und schafft so einen ganz eigenen Reiz des Sendebeitrags.